Einmal Deutschland und zurück

Im April 2010 gings mit dem Bullix auf  Deutschlandtour. Obwohl ich schneller wieder zuhause war, als beabsichtigt, war’s ne echt knorke Reise mit vielen schönen Flügen von neuen und altbekannten Plätzen…

Reisetagebuch, Teil 1:

Gestern erst in Hamburg losgefahren, heute schon sitze ich frustriert im Herzen des Bergischen Landes und weine ein bißchen vor mich hin, denn das gute Wetter ist nur für die anderen da. Nirgendwo findet sich ein Flugplatz, der mich arme Sau mit meinem Fliewatüt starten lassen will.
Der deutsche Luftaufsichtsbürokrat, dessen Kollege mir noch letzte Woche einen freien Start am kleinen UL-Flugplatz versichert hatte, blättert in seinen Akten… “Nein, dafür haben wir keine Zulassung…“, sagt er. „Kein Problem, guter Mann, ich gebe mich schon mit ein paar Metern von Eurer Wiese zufrieden“, würde ich gern sagen, aber der Flugaufseher strahlt eine Unerbittlichkeit aus, die begierig auf ihren Einsatz wartet…
Unerbittlich ist dann auch sein Bestreben, mir einen Ausweichflugplatz zu besorgen… Innerhalb von wenigen Minuten wäre ich wieder bei meinem Auto um über die DULV-Datenbank im Laptop den nächsten Flugplatz anzurufen, aber der Mann im Tower läßt mich nicht gehen: „Sooo, Guugel…, alsooo…. dann gewen wer maal UL-Flugplätze NRW ein… Aha… Nee, dat isset nit…“…

Nachdem ich mich von den herzensguten Startverweigerern endlich loseisen konnte, und nach einem halben Dutzend Telefonaten auch die letzten noch verbliebenen Chancen auf einen freien Start im Bergischen dahinzuschmelzen scheinen, suche ich mir, einem plötzlichen Geistesblitz folgend, die Nummer der „Flugschule Bergisches Land“ im Netz um von Manuel Angstmann ein paar Nähkästcheninformationen zu ergattern. Leider hab ich am Ostermontag aber nur seinen AB dran. Verzweifelt gebe ich also dem Navi die Postadresse der Flugschule zu fressen und schon leitet es mich in Richtung Wermelskirchen.

Als ich eine halbe Stunde später an der Tür des Wohnhauses klingele, öffnet mir eine freundliche Dame; im Haus herrscht Großfamilientrubel um ein frisch gedecktes Ostermahl. Ich werde mir nun vollends bewußt, was ich mir hier gerade Peinliches leiste, kann aber nun auch nicht mehr zurück. Auf meine Frage hin wird der verdutzte Manuel Angstmann aus der Küche gerufen. Obwohl ich mir sicher keinen ungünstigeren Zeitpunkt aussuchen konnte, steht er mir geduldig und super sympathisch Rede und Antwort. Ich erkläre ihm meine Notlage und er bestätigt mir meinen Verdacht, daß es im Bergischen einfach keine Plätze zum Motorschirmfliegen gibt. Ich bedanke mich voll des schlechten Gewissens und verdrücke mich – und beschließe die Weiterreise in Richtung Koblenz. Freier Flug für freie Bürger! Winningen, ich komme!

PS: Manuel, du hast was gut bei mir!

 

Reisetagebuch, Teil 2:

Zunächst mal herzlichen Dank an dich, Hermann, für die Einladung. Wäre ich nicht schon verabredet gewesen, hätte ich spätestens um vier auf der Matte gestanden! Wenn wir das irgendwann nachholen wollen, komme ich gern!

Der heutige Tag begann – ganz unurläublich – um halb sechs. Wer schön fliegen will, darf keine Mühen scheuen, habe ich mir gedacht und mein Schicksal hat mich wahrhaftig oppulent entschädigt. Es hatte wohl ein schlechtes Gewissen wegen seiner gestrigen Garstigkeit.

Bei strahlender Morgensonne stand ich um acht in Koblenz-Winningen auf dem Platz, wo man mir einen nicht minder sonnigen Empfang bescherte. Der junge Segelflieger auf dem Turm war super freundlich, erklärte mir alles Nötige und um viertel vor neun gings los in Richtung Südwesten. Unter mir das Moseltal mit seinen Lastkähnen, vor mir der glitzernde Rhein und um mich herum ein Himmel, der sich aber echt mal gewaschen hatte. Mit einem Wort: sauschön!

Der Wind war aber schon nicht ohne und nachdem ich eine gute dreiviertel Stunde mit lahmen 10 -15 km/h dahingejuckelt war, bin ich angesichts der immer höher steigenden Sonne dann doch lieber mal umgekehrt. Das war auch nur gut so, denn am Platz wars dann, nach einem wunderschön ruhigen Flug, echt fucking bockig. Ich mich also nach unten gedröselt, sicher zum heimlichen Vergnügen der Towerbesatzung, dann noch in Ruhe gepackt und erst mal zu meiner hiesigen Verabredung gedüst.

Um halb fünf gings dann wieder zurück zum Platz. Leider gabs noch immer Winde bis 12 Knoten, aber „Tendenz abnehmend“. Um sieben hingen die Windsäcke dann endlich postorgasmisch nach unten. Ich also meinen Schirm ausgelegt und ab dafür… Ein schöner ruhiger Flug zum Feierabend, das war so meine Vorstellung…

Aber, der clevere Leser ahnt es schon, dat war wohl nix! Mein Start war sauber, die ersten zehn Höhenmeter absolut planmäßig, da packt mich von oben eine unsichtbare Hand und reißt mich aber sowas von in die Höhe. In diesem Moment begriff ich schlagartig sämtliche Abschnitte aus dem Meteorologiebuch zum Thema Geländeform. Eine solche Achterbahnfahrt hatte ich noch nicht erlebt. Achtung Flachland-Tütenflieger: Unterschätze nie die Macht des Imperators – und halte dich fern von Fluplätzen auf Hochplateaus zwischen tiefen Flußtälern! Der unfreiwillige Abgang nach oben war ja schon heftig, die Turbulenzen aber waren extrem – extrem uncool. Gefühlte fünf Stunden später schaukelte ich dem Gras neben der 06 entgegen.

Für die geübten (motorlosen) Gleitschirmpiloten unter euch wäre es vermutlich nichts Besonders gewesen. Mir aber, der ich die recht laminaren Winde des platten Landes gewöhnt und bislang ein reiner Motorflieger bin, war es eine Lehre. Ich hatte die Auswirkungen des Geländes auf die Luft zwar durchaus miteingeplant. Die Intensität der Wirbel hatte ich jedoch völlig unterschätzt.

Nun, morgen früh ist wieder ne Menge Wind angesagt, das heißt, ich werde erst mal ausschlafen. Ich hoffe aber kühn auf eine neue Chance, den Rhein früh morgens unter mir funkeln zu sehen… Allein dieses Bild war alle Mühen wert!

 

Reisetagebuch, Teil 3:

Nach zwei vollen Tagen ohne Höhenluft habe ich heute morgen Koblenz hinter mir gelassen und bin zu meiner nächsten Etappe aufgebrochen. Auf halbem Weg nach Saarbrücken habe ich heute mittag dann in Trier-Föhren angehalten, wo ich vor acht Jahren meinen Dreiachs-UL-Schein gemacht hatte. Der ist aber mittlerweile schon zu Staub verfallen – ja, ja, ich weiß… aber UL-Fliegen fand ich einfach totlangweilig, deshalb bin ich ja auch aufs Fliewatüt umgestiegen. Es geht doch nichts über frischen Wind um die Nase! Gewächshaus-Fliegen kann mit Luftknutschen einfach nicht mithalten.

Nun, als ich in Föhren ankam, pustete noch ein kräftiger 12-Knöter durch den Windsack, daher hab ich den Hänger erst mal stehen lassen um in Trier ein paar Gesichter aus Studienzeiten wiederzusehen. Als ich vom Gesichterwiedersehen zum Platz zurückkam, wars halb fünf und ich hab mich bei einer sehr sympathischen jungen Dame am Tower vorgestellt. Wir sprachen ein paar kleine Sondergenehmigungen für mich lahme Kröte ab, kleinere Platzrunde, direkter Anflug etc., und nichts davon stellte für irgendwen ein Problem dar, trotz fehlender, expliziter Motorschirmzulassung des Platzes. Tja, liebe Luftaufseher im Bergischen Land, „Schaut auf diese Stadt!“

Ein bißchen Zeit verging dann noch mit Quatschen mit den ortsansässigen UL-lern, von denen einer ganz heiß auf mein Bullix war. In Winningen hatte ich auch schon die Gelegenheit genutzt, ein bißchen Werbung für unsere Branche zu machen.

Um viertel vor sieben aber konnte es dann endlich losgehen. Leider kam der Wind aus Nordost und so konnte ich meine erhoffte Route zur ältesten Stadt Deutschlands nicht einschlagen. Stattdessen gings genau in die entgegengesetzte Richtung nach Wittlich. Liebe Wittlicher, nehmt es bitte nicht persönlich, aber mit dem ollen Römerstädtchen Trier könnt ihr einfach nicht mithalten!

Ich habe meinen Flug aber dennoch sehr genossen. Gerade nach dem Horrortrip in Koblenz war die ruhige Luft heute abend mehr als entspannend. So haben mich die durch die Wolken brechenden Strahlen der Abendsonne und ein wunderschön sanfter, motorloser Gleitflug zurück zum Platz mit der etwas weniger spektakulären Bebauung unter mir mehr als versöhnt. Nach einer Stunde war ich wieder auf dem Rasen neben der Piste und nach einigen Plaudereien mit den Falschrumspringern gings dann bei einbrechender Dunkelheit weiter nach Saarbrücken. Morgen früh werde ich dann wohl in aller Herrgottsfrühe dem kleinen Platz in Bexbach meine Aufwartung machen. „Mo gugge, ob die Jungs uff Zack sinn“, wie der Saarländer sagen würde…

 

Reisetagebuch, Teil 4:

Es geht doch nix über die eigene Erfahrung. Nach dem Studium der diversen Wetterseiten hatte ich heute morgen echt noch meine Zweifel, ob ich wirklich rausfahren sollte. Aber spätestens der Blick aus dem Fenster auf den wunderschön windstillen Frühlingsmorgen belehrte mich eines besseren. Also ab auf die Autobahn und auf nach Bexbach, dem einen oder anderen vielleicht unbewußt bekannt als die Heimat des saarländischen TV-Dauerklugscheißers Heinz Becker. Um viertel vor acht schien sich aber noch alles im REM-Schlaf zu befinden.

Ich also schnurstracks zum Flugplatz, der erste auf meiner Tour, der mir völlig unbekannt war, und erst mal in die Runde gekuckt. Viel zu kucken gabs aber nicht. Kein Mensch weit und breit, nur einige Wohnmobile mit zugezogenen Vorhängen und ein paar geparkte Autos. Die Wiese zwar noch naß vom Tau, dafür aber ein Himmel mit motorschirmfreundlicher Antithermikbeschichtung. Perfekt für ruhiges Flugwetter. Der Platz selbst ist durchaus speziell: die relativ schmale Grasfläche fällt leicht nach Westen ab und ist im östlichen Teil von Bäumen umgeben; ein paar Bäume mehr und man könnte es schon fast „Wald“ nennen. Nach Westen hin öffnet sich dann die Piste ins Tal.
Meine Skrupel, auf einem unbesetzten Platz zu starten habe ich dann nach zwei Rückfragen bei Hunde-Gassigängern schnell über Bord geworfen, die beide meinten, der Platz würde sicher eh bald aufmachen. Von beiden aber keinerlei Kritisches von wegen Vorschriften, Lärmbelästigung etc. Na dann…

Nachdem sich mein Start bei Nullwind etwas mühsam gestaltete, war der Flug über das verschlafene Ostsaarland wirklich schön. Außer dem Bexbacher Kohlekraftwerk mit seinem fetten Kühlturm gabs wenig Spektakuläres zu sehen, aber die hügelige Landschaft mit ihren vielen Wiesen war mir eh viel lieber. Also hab ich dann ein knappes Stündchen über der angerenzenden Umgebung meine Runden gedreht.
Auf dem Rückweg kam beim Anfunken von Bexbach INFO noch immer keine Antwort. Da aber eh noch kein Platzverkehr sichtbar war, stellte eine Landung nach eigenem Ermessen keine große Herausforderung dar. Das letzte, verdammt matschige Stück Ausrollen hab ich dann gleich noch als Rollübung genutzt, der Schirm blieb brav über mir und auch die Waldkanten links und rechts ließen mich in Ruhe.

Beim Schirmzusammenpacken gesellte sich aber doch endlich die erste C42 zu mir. Mehr als ein kurzes Winken aus dem Fenster gabs aber auch von denen nicht. Wenn das Wetter morgen noch stimmt, wird mich dieses feine, kleine Plätzchen sicher wiedersehen!

 

Reisetagebuch, Teil 5:

Tja, das ist nun das unrühmliche Ende meiner Deutschlandtour. Nachdem mein Reiseplan am Anfang der Woche durch mieses Wetter und einige unvorhergesehene Ereignisse durcheinandergekommen war und mich urplötzlich auch noch mein Gesundheitszustand schachmatt setzte, habe ich mich vorgestern kurzerhand dazu entschieden, meine Reise abzubrechen und nach Hamburg zurückzufahren. Ich hatte zwar gehofft, auf dem Rückweg noch auf einen Abschlußflug im Harz vorbeizukommen, aber selbst das war nicht mehr drin – starker Wind und piloteneigene 39° Zylinderkopftemperatur sprachen deutlich dagegen.

Doch auch trotz dieser harten Landung habe ich meine Flug-Reise sehr genossen. Es war schön, mal andere Landschaften aus der Luft zu sehen und sich ohne Zeitdruck von einem Ort zum nächsten zu hangeln und ich bin sicher, daß das nicht meine letzte Tour dieser Art war.

Was bisher geschah…

Noch mehr Bilder…

fontaenen_02 wintersommer_21 strukturundnatur3_08 schwarzeberge_02 spaceshuttle_03 rapsodie_06 fruehlingsspaziergang_04 indensueden_06 einsamesgruen_01 voelklingerhuette_37 wintersommer_08 XcitorTour2014_1_01 ostsee_08 tooltime_05 uferpromenade_10